Was Musik mir bedeutet

von Christoph Well

Musik ist für mich ein Grundbedürfnis wie essen, trinken, schlafen, dem TSV 1860 die Daumen drücken und natürlich auch lieben. Ihre Bedeutung hat sich aber im Lauf der Jahre gewandelt: von einer Notwendigkeit zu einer Bereicherung.

Als vierzehntes von fünfzehn Kindern in der Familie hat man es schwer, beim Mittagessen den besten Platz an der Suppenschüssel zu ergattern, zumal wenn man, wie ich, eher von schwacher, kränklicher Natur ist. Das Individuum kann sich in so einem Verbund nur durchsetzen, wenn es Fähigkeiten entwickelt, welche andere nicht haben. So und ausschließlich aus diesem Grund entdeckte ich meine musikalische Begabung.

Dabei hatte ich das Glück, dass in der Volksmusikbesetzung unserer Familie eine Trompete fehlte. Ein älterer Bruder gab mir eine, schickte mich damit in den Keller, und ich übte drauflos, glücklich, mich mit einem lauten Instrument endlich mal bemerkbar machen zu können. So wurde ich für die musikalische Selbstdarstellung der Großfamilie Well nach und nach unentbehrlich: Wir spielten Gebrauchsmusik, also auf Hochzeiten, zum Tanzen, bei Vereinsfeiern und Beerdigungen. Ich habe sicher schon mehrere hundert Tote am Grab mit meiner Trompete zur letzten Ruhe begleitet und bin jedes Mal über die offenen Ohren und Herzen der "Zuhörer" erstaunt. Die Musik wirkt in dieser für uns Menschen unerklärlichen Situation wie ein Auslöser zum Hineinhorchen in uns selbst. Mit 18 Jahren kam ich dann als Trompeter zu den Münchner Philharmonikern und hörte zum ersten Mal bewusst klassische Musik. Ich war wie vom Donner gerührt (mein erstes Stück unter Sergiu Celibidache war auch noch Beethovens Sechste Symphonie mit dem gewaltigen Gewitter im vierten Satz). Über die Qualitäten der Musik von Mozart und Bach schreiben, das kann ich nicht, ich weiß nur, dass ich ohne diese Musik seelisch und geistig verloren wäre. Ich brauche sie, um meine Gedanken zu strukturieren und mich zu finden. Unerträglich finde ich die permanente Berieselung durch Musikkonserven in Parkhäusern, Aufzügen und Toiletten - dieses Gedudel ist für mich eine akustische Umweltverschmutzung, und weit und breit keine Partei, kein Verbraucherschutz, kein Internationaler Gerichtshof, der mir dagegen hilft. Wenn ich aber Mozart höre, spricht der liebe Gott persönlich zu mir.

Der erste Auftritt der Biermösl Blosn sollte - was mich betrifft - nicht die CSU unter 100 Prozent bringen, sondern die Aufmerksamkeit einer Frau auf mich lenken. Wenn ich heute mit meinen Brüdern auftrete, ob in einem Bierzelt oder auf einer Theaterbühne, komme ich mir wie ein Segelschiff vor, und das Publikum ist der Wind, der mich trägt. Es ist eine Gnade, den Leuten Musik vorzuspielen und davon leben zu können. Und wenn ich mich über etwas ärgere, zum Beispiel eine selbstherrliche Partei, die dabei ist, das Isental zu zerstören, kann ich mir auf der Bühne Luft verschaffen. So wird aus diesem unguten Gefühl vielleicht etwas Positives. Bei unseren Auftritten im Ausland habe ich noch eine Dimension von Musik kennen gelernt: Ich kann mich mit Menschen unterhalten, ohne ein Wort ihrer Sprache zu verstehen - beim gemeinsamen Musikmachen. Und überhaupt, wenn ich einen Ton erzeuge, ihn wahrnehme und höre, also Musik spiele, spüre ich, dass ich lebe. Klingt pathetisch, ist aber so!

Christoph Well, 49, geboren in Günzlhofen, bildet gemeinsam mit seinen beiden Brüdern Michael und Hans Well die bayerische Volksmusikgruppe Biermösl Blosn. Zuvor hat er Trompete und Harfe studiert und war einige Jahre lang Solotrompeter bei den Münchner Philharmonikern.
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