Musik ist für mich ein Grundbedürfnis wie essen,
trinken, schlafen, dem TSV 1860 die Daumen drücken und natürlich
auch lieben. Ihre Bedeutung hat sich aber im Lauf der Jahre
gewandelt: von einer Notwendigkeit zu einer Bereicherung.
Als vierzehntes von fünfzehn Kindern in der Familie
hat man es schwer, beim Mittagessen den besten Platz an der
Suppenschüssel zu ergattern, zumal wenn man, wie ich, eher von
schwacher, kränklicher Natur ist. Das Individuum kann sich in so
einem Verbund nur durchsetzen, wenn es Fähigkeiten entwickelt,
welche andere nicht haben. So und ausschließlich aus diesem Grund
entdeckte ich meine musikalische Begabung.

Dabei hatte ich das Glück, dass in der
Volksmusikbesetzung unserer Familie eine Trompete fehlte. Ein
älterer Bruder gab mir eine, schickte mich damit in den Keller, und
ich übte drauflos, glücklich, mich mit einem lauten Instrument
endlich mal bemerkbar machen zu können. So wurde ich für die
musikalische Selbstdarstellung der Großfamilie Well nach und nach
unentbehrlich: Wir spielten Gebrauchsmusik, also auf Hochzeiten, zum
Tanzen, bei Vereinsfeiern und Beerdigungen. Ich habe sicher schon
mehrere hundert Tote am Grab mit meiner Trompete zur letzten Ruhe
begleitet und bin jedes Mal über die offenen Ohren und Herzen der
"Zuhörer" erstaunt. Die Musik wirkt in dieser für uns Menschen
unerklärlichen Situation wie ein Auslöser zum Hineinhorchen in uns
selbst. Mit 18 Jahren kam ich dann als Trompeter zu den Münchner
Philharmonikern und hörte zum ersten Mal bewusst klassische Musik.
Ich war wie vom Donner gerührt (mein erstes Stück unter Sergiu
Celibidache war auch noch Beethovens Sechste Symphonie mit dem
gewaltigen Gewitter im vierten Satz). Über die Qualitäten der Musik
von Mozart und Bach schreiben, das kann ich nicht, ich weiß nur,
dass ich ohne diese Musik seelisch und geistig verloren wäre. Ich
brauche sie, um meine Gedanken zu strukturieren und mich zu finden.
Unerträglich finde ich die permanente Berieselung durch
Musikkonserven in Parkhäusern, Aufzügen und Toiletten - dieses
Gedudel ist für mich eine akustische Umweltverschmutzung, und weit
und breit keine Partei, kein Verbraucherschutz, kein Internationaler
Gerichtshof, der mir dagegen hilft. Wenn ich aber Mozart höre,
spricht der liebe Gott persönlich zu mir.
Der erste Auftritt der Biermösl Blosn sollte - was
mich betrifft - nicht die CSU unter 100 Prozent bringen, sondern die
Aufmerksamkeit einer Frau auf mich lenken. Wenn ich heute mit meinen
Brüdern auftrete, ob in einem Bierzelt oder auf einer Theaterbühne,
komme ich mir wie ein Segelschiff vor, und das Publikum ist der
Wind, der mich trägt. Es ist eine Gnade, den Leuten Musik
vorzuspielen und davon leben zu können. Und wenn ich mich über etwas
ärgere, zum Beispiel eine selbstherrliche Partei, die dabei ist, das
Isental zu zerstören, kann ich mir auf der Bühne Luft verschaffen.
So wird aus diesem unguten Gefühl vielleicht etwas Positives. Bei
unseren Auftritten im Ausland habe ich noch eine Dimension von Musik
kennen gelernt: Ich kann mich mit Menschen unterhalten, ohne ein
Wort ihrer Sprache zu verstehen - beim gemeinsamen Musikmachen. Und
überhaupt, wenn ich einen Ton erzeuge, ihn wahrnehme und höre, also
Musik spiele, spüre ich, dass ich lebe. Klingt pathetisch, ist aber
so!