Offener Vollzug - ein Staatsschauspiel
Christoph Well, Hans Well, Urs Widmer, Gerhard Polt, Michael Well. Fotos: Thomas Dashuber

Münchner Merkur, 02.05.06
Die geniale Schizophrenie

"Offener Vollzug" im Münchner Residenztheater

"Ich glaube immer noch daran, dass man mit einem einzigen Konfetti eine Bombenstimmung machen kann." Gerhard Polts Satz sitzt: zweieinhalb hochexplosive Stunden. Danach müssten eigentlich alle den Saal verlassen und sich eine neue Landesregierung suchen. Wenn's nur nicht grad' so schön gemütlich wär'. Wenn wir nicht alle - genauso wie der Polt - ein bisschen von dem, das er so bitter aufspießt, in uns hätten. Das ist die geniale Schizophrenie des Abends: Jeder denunziert sich hier selbst. Und das zum größten eigenen Vergnügen. Das Staatsschauspiel ein Narrenhaus.
Oder: der Staat - ein Schauspiel von Verrückten für Verrückte. Auf jeden Fall meinen das Gerhard Polt und die Biermösl Blosn, wenn sie jetzt im Münchner Residenztheater behaupten, sie und die Zuschauer seien eine Gemeinschaft von Idioten. Hier darf jeder alles sagen dürfen - und tun sowieso. Bayern ein "Offener Vollzug".
So der Titel des neuesten Streichs der unschlagbaren Kabarett- und Gstanzl-Legenden, die seit 1984, seit "München leuchtet", dafür sorgen, dass Intendant Dieter Dorns Theater, vormals Stadt-, jetzt Staatstheater, immer auch Volkstheater ist.
Die Irrenanstalt als Rahmenhandlung dieser Polt-Biermösl-Sketch-Revue gestattet alles und - na ja, man ist auch älter geworden - relativiert manches: politische Tiefschläge, glasklare Gesellschaftssatire und valentineske Wortkaskaden.

"Drei Milliarden teurer als nach Augsburg! Ja, hat denn der Wiesheu einen Tunnel im Hirn?"
Gerhard Polt zur ICE-Strecke nach Nürnberg

Gerhard Polt sowie Hans, Michael und Christoph Well, diese hinreißenden Anarcho-Poeten und Charmebolzen, lassen sie alle aufmarschieren. Vom Himmel durch die Welt zur Hölle hetzen sie sie - den Wiesheu, den Söder, den Stoiber und den Faltlhauser, Hartz und die arroganten Kollegen vom Arbeitsamt, die Tegernseer Bürgermeister mit ihrer Beisheim-Geilheit, den Börsenschwindler "Asam" von der Staatlichen Förderbank, den Passauer Wildfleischspezialisten Berger mit seinen "ambulanten Viechern". Ein Riesenhaschee, das man nicht madig machen kann. Dazwischen Jubilar Mozart, den die Biermösls zusammen mit dem Regensburger Diözesanrat und sich selbst in den siebten Himmel singen. Was die Wells musikalisch bieten, ist sowieso von überirdischer Grandiosität. Ob bayerisch, klassisch oder spanisch: Wie sie in der Musik Kritik und Jux miteinander verbinden, erzeugt immer wieder wahre Glücksgefühle. Das macht ihnen keiner nach.
Mit seinem vertraulichen, hochdeutsch getrimmten "Ich sag's Ihnen" lockt Polt sein Publikum auf die verschlungensten und kuriosesten Gedankenpfade. Stichwort Pisa. Ein Finne, den er jüngst im Wirtshaus traf, sollt' nun zeigen, was er alles weiß - und wusste nicht einmal etwas von der Schlacht von Ampfing. "Wenn wir die nicht gewonnen hätten, wären wir heute Österreicher. Wo führen wir denn dann hin zum Tanken?"
Oder Europa. Zwar sage er ein entschiedenes Ja zum Nein zu Europa, aber wenn es nun einmal sein müsse, dann bitte richtig: Denn dann gehöre die gewonnene Schlacht von Trafalgar nicht mehr den Engländern allein - warum also nicht eine Nelson-Säule in Rosenheim, ein Trafalgar-Square in Perlach? Dann hätten - aus europäischer Sicht - "in der Normandie auch wir Deutschen gemeinsam mit den Alliierten Hitler besiegt".
Ü berhaupt Geschichte, von der man doch heute viel zu wenig wisse: "Wir Bayern waren schon in der Türkei, da hat's noch gar keine Türken gegeben. Da war noch alles byzantinisch." Und wenn heute der Häusle-Bauer für seine Baugenehmigung dem Beamten ein paar Scheinchen ins dicke Buch schichtet, sei das nicht Bestechung, sondern, ganz einfach, "gelebter Byzantinismus".

"Bayern war schon katholisch noch vor Christi Geburt."
Biermösl Blosn

Heut' gibt's Polit-Ragout, da darf vor allem zweierlei nicht fehlen: Warsteiner und der Papst. Wer dessen perfekte urbi-et-orbi-Schau eigentlich sponsert? Nein, nichts Lästerliches kommt da auf. In Bayern darf man alles fragen, schließlich war man hier "schon katholisch noch vor Christi Geburt". Und wenn Polt, der Teufelskerl, am Ende gar als Benedikt XVI. höchstselbst erscheint und mit dem Baumarkt-Laubbläser in der Hand verwelktes Blattwerk wegpustet, begleitet von den Ober-, Unter- und Chefärzten Well, die auf ihren Alphörnern den Walkürenritt donnern, dann kann das bühnenmäßig nur in der Zwangsjacke enden. Denn so viel Milde ist nicht normal - nach zweieinhalb Stunden, die Polt nicht nur durch seinen politischen Scharfsinn, seinen hinterkünftigen Witz, seine virtuose Rollenvielfalt bestimmt, sondern auch durch seine ungeschützte Emotionalität. Ein wunderbarer Radikaler, der sogar noch Lachsalven im ausverkauften Haus auslöst, wenn er sich nur an die Rampe stellt und zur Katzenmusik laut miaut. Großer Jubel für alle.

SABINE DULTZ



Donaukurier, 01.05.06

Weißblaues Tollhaus

Hannes S. Macher

München (DK) Jubel über Jubel, enthusiastische Bravorufe, frenetischer Applaus, teilweise gar stehende Ovationen am Ende von zweieinhalb Stunden weißblauen Kabaretts vom Allerfeinsten und Allerbissigsten: Gerhard Polt und die Biermösl Blosn in absoluter Höchstform.
In einen Zwangsjanker ist Gerhard Polt eingeschnürt, von mitleidigen Irrenärzten und stummem Pflegepersonal umgeben. Seinen Tranquilizer und eine Vergessenspille muss er wieder schlucken, damit er nicht weiterhin G’schichterln von schier unglaublichen Skandalen und Affären, von Ungereimtheiten, Bestechungen und anderen unerhörten (aber realen) Begebenheiten in unserem schönen Freistaat berichten kann.

Unter-den-Teppich-Kehrer

Doch wer ist in diesem weißblauen Tollhaus verrückt? Der Überbringer der schlechten – also der wahren – Nachrichten oder die Verursacher, die Vertuscher, die Mauschler und Unter-den-Teppich-Kehrer all der "Phänomene" aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft? Folglich ganz klar: Das Zwangsjopperl abermals fester schnüren, noch ein Beruhigungspillerl schlucken und wieder zurück in die geschlossene Anstalt.
Doch "Offener Vollzug" nennen Gerhard Polt und die Biermösl Blosn ihr neues, ihr bösestes und trefflichstes Programm seit langem – mit dem garstigen Untertitel "Ein Staatsschauspiel". Und das in den "heiligen Hallen" des Bayerischen Staatsschauspiels. Das wird noch Ärger geben. Denn ausgelassen wird hier nix, was in den vergangenen Monaten in unseren Gefilden für Aufregung, Empörung oder Kopfschütteln sorgte. Satirisch aufgespießt wird alles, aber wie: Von des Herrn Ministerpräsidenten Unentschlossenheit zwischen Berlin und München bis zum Transrapid, vom Passauer Wildbretskandal bis zu Stoibers Rhetorikkünsten ("Äh-Äh-Epoche").

Gesänge voller Biss und Häme

Ebenso genüsslich wie grimmig abgewatscht werden sie alle. Und die Musi spielt dazu: Die Well-Brüder Christoph, Hans und Michael, vulgo Biermösl Blosn, im Trachtenlook und im Gigolo-Outfit, als kracherte Bierzelt-Entertainer und schräge Volksmusikanten mit Schnaderhüpfln, Jodlern und (un-)from- men Gesängen voll Biss und Häme. Deftig-sarkastische Texte mit diabolischem Lächeln und bajuwarischer Hinterkünftigkeit präsentiert und vom Klang Dutzender Instrumente herrlich disparat untermalt. Grandios.
Aber auch Polt ist in seiner bärbeißigen Art wohl noch nie besser gewesen. Vor allem als jovial-widerlicher Kotzbrocken in der Figur des feist-fiesen Chefs einer Arbeitsagentur. Und wenn er mit heiligem Zorn von A wie (Staats-)abzocke bis Z wie Zwangsausweisung vom Leder zieht und schließlich noch den Papst mit einer italienisch-bairischen Suada ("Gott ist ein Bayer") imitiert, da tobt das Publikum. Aber einige gesetztere Herren im berufsmäßig-korrekten Trachtenanzug starren dabei auch grimmig vor sich hin und entwerfen in Gedanken wohl schon geharnischte Schriftsätze.



Süddeutsche Zeitung, 28.04.06
Im Interview: Gerhart Polt

"Könnt´ ja sein, dass wir mal einen bekehren"

Gerhart Polt und die "Biermösl Blosn" denken laut nach über Stoiber als Rindsroulade, die Satire als Medizin und sowieso über ihr neues Stück. Hier im Interview.

Interview: Christine Dössel

Eigentlich war ein Gespräch mit Gerhart Polt geplant, aber dann sitzen sie in seiner Künstlergarderobe alle lustig beeinand: Polt und die drei Biermösl Blosn, als da sind Hans, Christoph ("Stofferl") und Michael Well. Seit 30 Jahren stehen sie auf der Bühne, und das seit 27 Jahren meistens zusammen. Mit satirischen Stücken wie "München leuchtet" (1984), "Diri-Dari" (1988) und "Tschurangrati" (1993) haben sie einst bei Dieter Dorn an den Münchner Kammerspielen Furore gemacht. Seit dessen Wechsel ans Bayerische Staatsschauspiel sind sie auch dort seine Gäste, zuletzt 2002 mit der Revue "Crème Bavaroise - Obatzt is". Ihr neues Stück heißt "Offener Vollzug" und hat im Residenztheater Premiere.

SZ: Ihr neues Stück firmiert als ein "Staatsschauspiel". Was dürfen wir uns darunter vorstellen?

Michael Well: Na, dass wir streiken!

Hans Well: Wir haben eine Streikfassung: konzertant. Also ohne den Polt.

Christoph Well: "Staatsschauspiel" heißt aber auch, dass wir mit dem Staat Theater machen können.

SZ: "Offener Vollzug" ist ein Begriff aus dem Strafvollzugsgesetz . . .

Gerhard Polt: Es gibt ihn aber auch in der forensischen Psychiatrie. Unser Stück spielt in einer Art Nervenheilanstalt. Es sind Verrückte, so wie jeder auf seine Art verrückt ist. Für uns ist die Frage: Wer ist drin, und wer ist draußen?

SZ: Und wo sind Sie?

Christoph Well: Wir sind Freigänger. Aber wir sind auch Mediziner.

Hans Well: Wir sind ja auch keine Kabarettisten, weil wir nicht von der Bier- und Möbelindustrie gesponsert werden.

SZ: Wer ist denn Ihr Sponsor?

Christoph Well: Feuerwehren, Kleinstkunstbühnen und momentan das Staatsschauspiel.

Hans Well: Sponsoring ist ein interessantes Thema zu WM-Zeiten. In unserem Programm kommt aber auch der Otto Beisheim vor, dem die Metro gehört und der geizgeile Saturn-Markt. Der Beisheim wohnt ja auch am Tegernsee, obwohl er in der Schweiz Steuern zahlt.

Christoph Well: Es gab ja die Diskussion, ob man das Staatliche Gymnasium Tegernsee in Otto-Beisheim-Gymnasium umbenennen soll.

Hans Well: Die Lehrerschaft des Gymnasiums hat Bedenkzeit erbeten, weil der Beisheim in der SS-Leibstandarte Hitler war. Er hat auch den Bayerischen Verdienstorden.

Polt: Und wer den Bayerischen Verdienstorden hat, der ist doch eigentlich geröngt, der gilt als sauber.

SZ: Gibt es auch eine Handlung in Ihrem Stück, so wie in "Tschurangrati"?

Polt: Es ist eine revueartige Vorstellung, in der Machart vergleichbar mit "Crème Bavaroise".

Hans Well: Stücke wie "Tschurangrati" oder "Diri-Dari" kriegen wir gar nicht mehr hin, mangels Masse. Die Gisela Schneeberger hat keine Zeit gehabt. Otto Grünmandl ist gestorben . . .

Polt: Und der Dieter Hildebrandt wird da auch nimmer mitspielen. Diese Mannschaft kriegt man nicht mehr zusammen.

SZ: Welche Rolle spielt Ihr Freund Edmund Stoiber im "Offenen Vollzug"?

Hans Well: Eine gebührende

Christoph Well: Eine Rindsroulade.

Polt: Der Rückmarsch von Stoiber aus Berlin ist natürlich schon ein Thema.

Hans Well: So manche Lichtgestalt hat sich als rußige Funzel entpuppt. Der Freistaat Bayern ist zur Zeit im Bund eher eine Lachnummer wegen ihm. Aber inzwischen hat sich der Stoiber erholt. Er kämpft jetzt nimmer gegen die Merkel, sondern gegen ausländische Schüler und Al-Qaida. Und für den Papst.

SZ: Wie entsteht so ein Stück?

Hans Well: Im Wirtshaus. Wir gehen da immer wieder in Klausur.

Polt: Es gibt ja Themen genug. Jeden Tag wird eine Sau durchs Dorf getrieben. Die Frage ist: Was nehmen wir, und wie sortieren wir das?

Hans Well: Uns interessiert mehr der Input als der Output. Dass so manches Scheiße ist, merkt jeder.

SZ: Woher beziehen Sie all Ihre Insider-Informationen?

Polt: Es gibt zum Beispiel Journalisten, die uns füttern. Der Journalist hat gewisse Möglichkeiten, etwas zu dokumentieren. Der Satiriker kann mit dem gleichen Thema, aber mit anderen Stilmitteln eine andere Form von Aufmerksamkeit erzeugen. Ich werde nie vergessen, was für ein Skandal das war, als wir im Fernsehen was zu dem geplanten Bau des Rhein-Main-Donau-Kanals gemacht haben. Das hat damals eingeschlagen wie eine Bombe. Dabei hatten wir das gar nicht erfunden. Im Stern war über die Hintergründe zu lesen, im Spiegel, in der Süddeutschen. Die Informationen waren da. Aber unsere Chance war eben, den Leuten den ganzen Wahnwitz des Projekts nahe zu bringen. Das hat eine eigene Kraft.

Christoph Well: Aber gebaut worden ist der Kanal nachher trotzdem.

SZ: Und in Bayern regiert trotz Polt & Biermösl Blosn immer noch die CSU!

Michael Well: Aber sie hat noch keine 100 Prozent!

Polt: Ohne uns hätten"s schon 102.



Münchner Merkur, 27.04.06
Wir sind alle Insassen
Regisseur Urs Widmer über den neuen Polt-Biermösl-Streich im Residenztheater
Wie inszeniert ein Zürcher Autor einen Bayerischen Selbstinszenierer in der Bayerischen Landeshauptstadt in einem - so will man ahnen - deftigen Stück Bayernrüge?

Diese Frage drängt sich auf angesichts der morgigen Uraufführung am Residenztheater (19.30 Uhr): "Offener Vollzug. Ein Staatsschauspiel" von und mit Gerhard Polt und der Biermösl Blosn unter der Regie des Schriftstellers, Dramatikers, Kritikers und 68er-Mitbegründers des Verlags der Autoren, kurz: des Schweizer LiteratUr-Gesteins Urs Widmer.

Der aber genießt die Geheimniskrämerei um den Abend und schmunzelt nur schelmisch in seinen Schnauzer, er finde das alles gar nicht so kurios. Denn Widmers enge Theaterbeziehung zu München und damit auch zu Polt reicht bis zurück zu seiner ersten Regiearbeit in den frühen Siebzigerjahren im Münchner Theater am Sozialamt, dem Schwabinger TamS.

Lässt der Polt den Regisseur Widmer denn überhaupt machen?

Urs Widmer: Na ja, auch Gerhard Polt und die Biermösl Blosn brauchen einen Blick von außen: einen liebenden und kritischen Blick. Ich habe da genauso viel Fremdheit, wie der Sache nützlich ist. Natürlich arbeiten die vier etwas anders als gelernte Schauspieler. Die werden immer einen Luftraum für Improvisation behalten, einen Freiraum, den sie wie niemand sonst nutzen können - und das sollen sie auch. Ich inszeniere sie nicht in ein Gerüst hinein, in eine Zwangsjacke, um beim Thema zu bleiben.

Beim Thema "Offener Vollzug"?

Widmer: Der "Offene Vollzug" spielt auf den Spielort an: eine psychiatrische Anstalt. Wir wollen das nicht überinterpretieren, aber die Form der Psychiatrie passt für unser Stück sehr gut. Wir sind alle Insassen, auch die Zuschauer, und damit spielen wir.

Verraten Sie ein paar Inhalte.

Widmer: Ja wissen Sie, natürlich machen die vier politisches Theater, und selbstverständlich wird auch dieser Abend sehr politisch sein, und er wird natürlich nicht lieb sein. Aber damit ist auch schon genügend angedeutet.

Wird es ein Widmer-Polt?

Widmer: Jein. Ich bin der Regisseur, nicht der Text-Schreiber. Natürlich habe ich den einen oder anderen Schlenker dazu beigetragen, aber es ist ein Stück von Polt und der Biermösl Blosn.

Wie kam es denn zu der Zusammenarbeit?

Widmer: Polt ist auf mich zugekommen - und ich war dann eigentlich sehr bald Feuer und Flamme. Polt gehört zur Münchner Fauna und Flora, die mir ja auch nicht unvertraut ist. Ich mag die vier in ihrer Arbeit und natürlich auch als Personen. So gesehen ist es ein Riesenvergnügen.

Welche Berührungspunkte gibt es zwischen Ihnen, Polt und der Biermösl Blosn?

Widmer: Ja viele! Ich glaub', zwei Gemeinsamkeiten haben wir auf jeden Fall: Die eine ist ein vielleicht angeborener und auch gelernter Sinn für Komik. Und die zweite ist ein politisches Bewusstsein. Das ist der Minimum-Konsens. Der Rest ist die so genannte Chemie - und die stimmt sehr.

Und wo trifft der Schweizer den Polt'schen Humor?

Widmer: Ich bin auch Alpenländer! Ich kenn' mich mit deftigem Essen aus, ich kenn' mich mit Schneekanonen aus, ich kenn' mich mit saurem Regen aus. Ich muss da nicht fürchterlich umlernen. Was ich lernen muss, ist nicht etwa die baierische Sprache, obwohl das manchmal ganz schöne Stolpersteine sind, aber es ist natürlich die bayerische Kultur. Ich kenne eigentlich keine andere Kultur im deutschen Sprachraum - außer ein bisschen bei uns eben -, wo so intensiv alles auf alles andere bezogen ist. Man muss den Code lernen, man muss lernen, wer was von wem warum sagt und tut.

Auf der Bühne zeigt sich Polt recht pessimistisch: als ein notorischer Skeptiker und Schimpfer . . .

Widmer: Den Grantler, den gibt er als Figur. Er selber ist überhaupt kein Schimpfer. Er ist zweifellos ein Skeptiker. Aber ich erlebe ihn als neugierigen, klugen, ernsten, bedachtsamen Mann - der allerdings die Fähigkeit hat, aus wirklich dem geringsten Geschehnis im Alltag sofort eine Geschichte zu machen.

Das Gespräch führte Teresa Grenzmann


Biermösl Blosn