| DER TAGESSPIEGEL - 03.02.2001 |
Alle fürchten sich vor BSE und Essen, das krank macht. Der Kabarettist
will diese Apokalypse aushalten. Darin hat er Übung. Denn für ihn hat das Unheil schon
viel früher begonnen. |
| Er zählt zu den ganz
großen Kabarettisten. Über seine bayerische Heimat hinaus bekannt wurde Gerhard Polt,
58, durch seine Spielfilme "Kehraus" und "Man spricht deutsh", durch
Auftritte mit den Musikern Biermösl Blos'n und in Dieter Hildebrandts
"Scheibenwischer". Eine Glosse, die Polt den Grimme-Preis einbrachte, nannte die
Bayerische Staatsregierung "verleumderische und bösartige Ehrabschneidung".
Polt gilt als präziser Alltags-Beobachter. |
| Herr Polt, der Mensch
ist, wie und was er isst ... |
| ...und schon
ist alles ganz einfach. Die Schlüsse, die ich dann ziehe, sind ganz banale, freie
Unterstellungen. Es gibt ja auch Leute, die schauen sich die Möbel von jemandem an und
sagen, mei, wie die wohnen. Und dann wissen sie, was das für Menschen sind. Ich kann das
auch sagen, schau, wie der die Brezel in die Hand nimmt, das ist doch ein charakterloses
Schwein. So nimmt man doch eine Breze nicht in die Hand! Das ist das Schöne, du kannst
jeden nichtigen Anlass benutzen, um die irrwitzigsten Sachen zu behaupten. |
| Wann haben Sie denn
Ihre letzte Weißwurst gegessen? |
| Ich
weiß nicht, aber einen Tafelspitz habe ich gegessen, vorgestern. |
| Rindfleisch? Das
schmeckt Ihnen noch? |
| Ja.
Ich bin Gott sei Dank robust, psychisch. Natürlich beschäftigt mich die Diskussion um
BSE, aber ich lasse mich nicht hysterisieren. Welches Thema grassiert in zwei Monaten, mal
vorsichtig gefragt? Die Geflügelstaupe? Der Schweineskandal ist schon da. Denkt doch an
das Waldsterben, wie lange war Waldsterben? Kein Schwanz redet mehr darüber, obwohl der
Zustand des Waldes de facto nicht besser geworden ist, eher schlechter. Oder Tschernobyl.
Die Leute essen wieder mit viel Appetit Schwammerl, dabei sind Pilze verstrahlt wie vor 15
Jahren. Es ist halt kein gutes Medienthema mehr. Ich will damit nur sagen, dass ich
versuche, dem Aktuellen immer etwas zu entgehen. |
| Sie verdrängen. |
| Na
ja, du musst die Sachen aushalten. Ich kann mir nichts anderes vorstellen, als die Welt
widersprüchlich zu erfahren. Es gibt halt sich widersprechende Informationen, genauso
sich widersprechende Gefühle, und widersprüchliches eigenes Verhalten eben auch. Und
damit muss ich umgehen. Du kannst ja sagen, wart mal, ich les' eine andere Zeitung, dann
kann ich die Wurst vielleicht doch essen. |
| Trotzdem: BSE ist eine
gefährliche Sache. 90 Menschen sind in Europa schon an den Folgen gestorben. Und keiner
weiß, wie viele es noch werden. |
| Verstehn's
mich nicht falsch, ich will nichts verharmlosen. Bei uns in der Familie, wir kümmern uns
schon lange darum, zu wissen, wo unser Fleisch und unser Gemüse herkommt. Und ich kenne
Biobauern noch aus der Zeit, als alle gesagt haben: Was für Spinner. Aber ich kenne auch
Leute, die ein ganz anderes Weltbild haben als ich. Die sehen überall die Apokalypse und
in jedem Busch einen Gefahrenherd mit Bazillen drauf. Neulich war einer bei mir zu Besuch,
der hat gesagt, in Deinem Bett sind Milben. Er hat einen Staubsauger, mit dem saugt er
jede Milbe weg, auch die noch, die sich hinter einem Kollegen versteckt. Ich lebe mit
meinen Milben anscheinend all die Jahre in Symbiose. Ich weiß nicht, was ich von den
Milben profitiere, aber die Milben profitieren von mir. Wobei sie sich bei mir noch nicht
bedankt haben. |
| Angst vor BSE haben
Sie nicht? |
| Warum?
Der Karl Valentin hat mal erzählt, wie sehr er fürchtet, dass ihm ein Meteorit mitten
auf den Kopf fällt. Es ist auch schrecklich, wenn dich so ein Meteorit genau trifft -
aber es ist eben auch sehr selten. |
| Erinnern Sie sich an
Ihre erste Weißwurst, Herr Polt? |
| Sicher, ich
bin in Altötting so halb in einer Metzgerei groß geworden. Wenn die Würste fertig
waren, hat man nach mir gerufen. Dann haben sich Meister, Geselle und Lehrbub aufgestellt,
und ich durfte probieren. So um die fünf war ich da. Sie fragten: Und, wie ist sie? Ich
habe reingebissen und gesagt: guat. Dann verkaufen wir sie, haben sie gesagt. Ich habe
wirklich geglaubt, wenn ich sage, die ist nicht gut, wird die Wurst nicht verkauft. Ich
habe das sehr ernst genommen, das war schön. Denn ich war der Kontrolleur, die haben mir
Autorität verliehen, verstehst. Seit der Zeit weiß ich, was gut ist und was schlecht. |
| Sonst waren Sie keine
Hilfe? |
| Doch.
Eine besondere Auszeichnung war, wenn ich den Schussapparat halten durfte. Das macht dann
baff, die Sau fällt um, sie schlägt noch um sich. Ich durfte sie auch aufschneiden und
Blut rühren. Das waren elementare Erlebnisse, dieses Tun, die Gerüche ... Das ist doch
alles weg. Man muss sich das vorstellen: Es gibt heute kaum noch ein Kind oder einen
Jugendlichen, der auch nur irgendwann mal erlebt hat, wie ein Huhn geschlachtet oder eine
Gans gerupft wird. Der kleine Metzger, der Spengler, der Schreiner - alle sind aus unserem
Alltagsleben verschwunden, die gibt's nicht mehr. Weil die Gesellschaft sagt: Das geht
doch nicht, dass da mitten unter uns einer eine Sau schlachtet! In einer Straße, wo
Menschen wohnen, baut einer einen Schrank! Darum gibt es diese Gewerbegebiete - im Grunde
eine Perversion. |
| Das klingt nach
heftiger Kulturkritik. |
| Das
ist doch das Verrückte, dass wir alle zusammen in einer Gesellschaft leben, wo sich die
einen in einer fundamental anderen Erlebniswelt befinden als die anderen. Nehmt den
Zweiten Weltkrieg, es wird nicht mehr lange dauern, dann sind die Kronzeugen weg, dann
kann dir keiner mehr erzählen, wie so eine Bombennacht im Keller war. Erinnerung gibt es
dann nur noch second hand. Und wenn ich meinem Sohn erzähle, wie unser Metzger die Kuh
noch selber beim Bauern abgeholt hat, wie die Kuh einen da angschaut hat - das hört sich
für ihn wie eine Fabel an, was für mich eine Wurzel der Freude war. Man kann es
erzählen, aber wirklich begreifen kann er es nicht. |
| Wer so redet, wird
schnell zum Nostalgiker. |
| Ich weiß
schon, wir leben heute. Jeder ist doch ein Gefangener seiner Epoche. Aber natürlich
reflektierst du, wie es anders sein könnte, und dann bist du ganz schnell beim Früher.
Da besteht immer die Gefahr, dieses Früher zu glorifizieren, logischerweise. Dann wirst
du nostalgisch, es kommen dir die Tränen, und du sagst, früher war alles besser. Es ist
ja auch viel schwerer, sich eine Vision nach vorne zu denken. Wenn wir vom Essen reden:
Wie werde ich in Zukunft das Schwein, das ich esse, persönlich kennen lernen? Vielleicht
per Kontaktanzeige: Suche Schwein, was auf meinem Teller einen würdigen Eindruck macht. |
| Wenn Sie so gerne
zurückschauen: Können Sie Ihre Biografie anhand von Lieblingsgerichten schildern? |
| Ja.
Meine Frau hat mir das zum 50. Geburtstag geschenkt. Es gab ein großes Fest mit meinen
verschiedenen Essensphasen, von der Sterndlsuppe bis zum Spaghetti. Und ganz am Anfang war
der Grießbrei. |
| In Ihrem Leben muss
doch der Schweinebraten eine gewaltige Rolle spielen. |
| Wir
haben gar nicht so viel Fleisch gegessen, auch in der Metzgerei nicht, ich bin ja '42
geboren. Mehlspeisen haben eine große Rolle gepielt, Dampfnudeln mit Vanillesoße oder
Kaiserschmarrn. Der Schweinsbraten ist überhaupt eine Mär, wie der heilige Gral. Alle
reden davon, ganz selten kommt er vor und erscheint. Er ist mit einer krossen Kruste in
Wirklichkeit äußerst selten aufzufinden. In Italien hab ich ihn gerade erlebt, mit
Rosmarin und dazu Gnocchi. |
| Schweinebraten mit
Gnocchi? |
| Einwandfrei,
wunderbar. |
| Gab es etwas, was Sie
als Kind nicht gegessen haben? |
| Spinat.
Ich war ein ganz normales Kind, ich habe da keine Ausnahme gemacht. Es ist ein
interessantes Phänomen, dass viele Kinder keinen Spinat mögen. Aber genau so
faszinierend ist es, wie man an dieser Tradition festhält. Man weiß, das Kind mag keinen
Spinat, trotzdem heißt es: Komm, iss Deinen Spinat! So ist es auch beim Maikäfer. |
| Beim Maikäfer? |
| Schau,
der Maikäfer wird seit Jahrhunderten von Kindern in eine Schachtel gesperrt, paar Löcher
rein, und dann kriegt er ein Kastanienblatt zu essen. Habt Ihr jemals einen Maikäfer
gesehen, der das gefressen hat? Der mag das gar nicht, verstehst? Der Maikäfer denkt
sich, oh Scheiße, jetzt sitz ich im Gefängnis und kriege wieder so ein Kastanienblatt! |
| Hatten Sie selber
jemals eine vegetarische Phase? |
| Nein,
nie. |
| Könnten Sie mit einer
Vegetarierin leben? |
| Ich
lebe ganz bewusst mit einer Nichtvegetarierin zusammen. |
| Sie sind seit 30
Jahren verheiratet. Es wäre doch denkbar gewesen, dass sich Ihre Frau im Lauf der Zeit
dem Gemüse zuwendet. |
| Stimmt.
Wir wissen ja alle nicht, wie sich jemand entwickelt. Aber sagen wir mal so: Ich war
innerlich immer davon überzeugt, dass sie keine Vegetarierin wird. Und ich hatte Recht.
Das ist eben das Fingerspitzengefühl, was man braucht. |
| (Die Fotografin kommt und baut in Polts Wohnzimmer
Geräte auf) Fotografin: Sie haben die Wahl. Wollen Sie nachher geblitzt oder
ausgeleuchtet werden? |
| Des
is mir wurscht. |
| Herr Polt, Sie haben
sich gegen Flughafenbau und Rhein-Main-Donaukanal engagiert. Sie und die linken Biermösl
Blosn, mit denen Sie oft auftreten, gelten als Stachel im Fleisch von Kirche, Konzernen
und CSU. Wir haben beim Thema BSE einen zornigen Gesprächspartner erwartet. Bisher
scheint es, als würden Sie sich darüber eher lustig machen. |
| Das
will ich gar nicht. Ich wundere mich nur, dass jetzt viele so tun, als käme das alles wie
ein Blitz aus heiterem Himmel. Es hat doch viel früher angefangen. Bei uns hier ... |
| Sie wohnen auf dem
bayerischen Land, umgeben von Bauernhöfen, Seen und Bergen ... |
| konnte
man genau beobachten, wie eine Jahrtausende alte Kultur ausstirbt - und zwar in nur 30
Jahren. Wir hatten Forstarbeiter, Landwirte, Knechte, Handwerker. Heute wird das alles
ersetzt durch Bankbeamte und Steuerberater. Ich hab gar nichts gegen die, auch mein
Steuerberater ist ein Mensch. Ich will den Bauern wirklich nicht glorifizieren, verstehst,
aber diese Leute hatten eine ganz andere Mentalität. Die haben einen Baum gepflanzt mit
dem Wissen, selbst nichts zu ernten, auch der Sohn nicht, erst die Enkel würden was
kriegen. Die Idee des Bauern ist das genaue Gegenteil vom Shareholder-Value ... |
| wo die kurzfristige
Rendite alles ist. |
| Ja.
Und inzwischen sagt auch der Landwirt "Input-Output", ich schmeiße Geld rein
und dann muss das Dreifache rauskommen, und zwar schnell. Das hat zur völligen Vermassung
unserer Gesellschaft geführt. Auf der einen Seite haben wir die industrielle
Tierproduktion mit allem, was dazu gehört: Tiermehl, Antibiotika ... Und wo früher mit
viel Respekt und Genussfähigkeit das Aufschneiden einer Wurst zelebriert wurde, ist
vielen das Essen heute wurscht. |
| 1960 gab ein deutscher
Haushalt 50 Prozent des Einkommens für Lebensmittel aus, heute nur 12 Prozent. |
| Eben. Wenn ich
jemandem sagen muss, Sie, wenn Sie sich zwei Liter Rotwein für 4,88 Mark kaufen und
glauben, das ist Wein, das ist doch irr. Weil er die Flüssigkeit ja nicht als
Fleckenentferner nimmt, er nimmt sie buchstäblich als Wein, der glaubt das. Mancher mag
das schrecklich finden, ich find's komisch. Nicht, weil ich arrogant bin, sondern das hat
was Absurdes. |
| Was Sie beschreiben,
ist unsere Entfremdung zu dem, was wir täglich zu uns nehmen. |
| Sie
haben doch in Ihrer Zeitung sicher auch eine Kantine. Es ist zwölf und alle sagen
"Mahlzeit", und dann sausen sie los ... Schaut Euch nur das Gedränge an. Die
haben eine halbe Stunde. In der Zeit hauen sie sich das ganze Zeug rein. Entschuldigung,
für mich ist das unwürdig, so zu fressen. Selbst wenn es das beste Zeug wäre, was da
auf dem Teller liegt. In einer halben Stunde isst man nicht! |
| Sie würden nie einen
Hamburger essen? |
| Ich könnte in
einen hineinbeißen, ohne zu speien. Es ist ja nicht die Frage, ob das grausig schmeckt.
Es ist das ganze Ambiente, das mich davon abhält, einen Hamburger zu essen. Dass da etwas
in einer Pappschachtel liegt und dampft und da steht "Menue" drauf, diese
Ketchupdinger, die mit den Fingern zerfieselt werden ... Also, das könnt ich mir im Kino
anschauen, Großaufnahme, nur so ein Menue, und ich lach mich kaputt. Das ist doch was
Herrliches! |
| Nicht jeder kann immer toll und
teuer tafeln. |
| Um
Gottes Willen, nein. Mich hat mal ein ungarischer Baron sehr beeindruckt, vielleicht wird
daran deutlich, was ich meine. Dieser Baron hatte kein Geld, und zwar unter Null. Der Mann
saß allein an einem Tisch, mit ein paar Stückerl Nahrung. Die hat er ausgebreitet, auf
Porzellan, ungefähr zehn Teller, auf dem einen ein Scheibchen Schinken, auf dem anderen
einen ausgepressten Teebeutel. Der hat geschwelgt. Wenn man das alles zack, zack, zack,
zusammengekippt hätte, wäre es in eine hohle Hand gegangen. Aber er aß mit großer
Geste, und dazu hat ihm der Magen geknurrt. Ich habe ihn bewundert dafür. |
| Nun haben sich mit den
BSE-Fällen in Deutschland die Speisekarten radikal geändert. Ochsenschwanz, Kalbsbries,
saures Lüngerl, geschmorte Rinderbacke, Leber Berliner Art ... - all diese Gerichte gehen
verloren. |
| Ich
würde das Lüngerl noch nicht zu Grabe tragen. Ich glaube eher an den Modecharakter von
vielen Dingen. Ich habe immer, wenn was endgültig sein soll, so meine Bedenken. Und was
heißt verloren? Wer die Freude an einem Gericht nicht kennt, wer dir nicht begeistert
erzählt, Du, das schmeckt toll, das musst Du mal probieren, wer die Herstellung einer
Soße nicht kennt, der verliert nichts. Er hat es ja nie besessen. |
| Der bayerische
Ministerpräsident Stoiber hat der Diskussion um den Rinderwahn mit einem einzigen Satz
den Garaus gemacht: "München ist nicht Berlin." |
| Damit
hat er gewonnen. Da gibt es viele Leute, die sagen: Das stimmt, da hat er Recht. So fährt
er wieder ein Bombenergebnis ein bei der Wahl. Wenn jemand so etwas Gescheites sagt, so
etwas Grundwahres, an dem ist nicht zu rütteln. Denn das, was er sagt, ist ja nicht nur
wahrscheinlich, sondern das ist so. |
| Stoiber und die CSU
regen Sie sich nicht auf? |
| Es
ist ja immer dasselbe, keiner ist verantwortlich, nichts davon ist mir neu, und es ist
eher diese Monotonie, die mich aufregt. |
| Es wird sich ja etwas
ändern. Die Verbraucher kaufen weniger Fleisch und Wurst, die rot-grüne Regierung
fördert Biobauern ... |
| und
in England wird so viel Rind gegessen wie früher, unbeirrt, obwohl es dort die meisten
Toten gibt. Der Engländer sagt, ich bin halt mal ein Beefeater, ich muss das essen,
schicksalhaft. Es wird bei uns eine Zeit lang anhalten, aber das relativiert sich. Jedes
extreme Verhalten kostet Kraft, sehr viel Kraft sogar. Du darfst das nicht essen und das
nicht ... - das schaffen schon viele nicht, die krank sind, die eine Diät machen müssen. |
| Seltsam, es freut
einen Landmann wie Sie nicht, wenn weniger Gift auf den Feldern landet, Tiere besser
aufwachsen? |
| Freilich
freut es mich, jedes glückliche Viech freut mich. Ich glaub nur nicht, dass es viele
sind, die den Preis dafür bezahlen. Was kostet ein guter Obstbrand im Elsass? 100 Mark.
Der muss das kosten! Oder was kostet ein Honig von frei fliegenden Bienen? Sehr viel mehr
als Langnese, wo irgendwas zusammengeschüttet wird. Doch die Leute brauchen ihr Geld für
Thailand! Am Reisebüro hab ich ein Schild gesehen: Und jetzt, nichts wie weg! Wovon weg?
Vom Lüngerl? Von der Familie? Ihr werdet sehn, am Ende gibt es beim Aldi ein paar
Gütesiegel mehr, das war's. Oder glaubt Ihr, die Zivilisation wird sich ändern? Wie
groß sind die Chancen, dass die Leute wieder lernen, in der Öffentlichkeit Lieder zu
singen? |
| Eher gering. |
| Na eben. Die
Kinder können gerade noch Stille Nacht ..., aber dass danach die Heilige Nacht kommt,
weiß schon keins mehr. Sag doch mal den Leuten, bleibt im Urlaub daheim, dann geht die
Tourismusindustrie auf die Barrikaden. |
| Sie haben keine
Hoffnung? |
| Ich
resigniere, allerdings vital. Denn seit ich lebe, bin ich von apokalyptischen Bildern
umringt. Leute sterben, gehen unter, Eis schmilzt, es wimmelt von Kassandras. Ohne diese
Kassandras wäre die Welt halb so spannend, wir brauchen den Warner, er hat eine
dramaturgische Rolle. Er sagt, wenn Ihr nicht in Euch geht, dann werdet's schon sehn. Aber
ich lebe noch, trotz der apokalyptischen Bilder. Also kann ich davon ausgehen, dass ich
eine gewisse Immunität habe. |
| Was tröstet Sie? |
| Ein
Wirtshaus am Nachmittag. Es muss der Nachmittag sein, klar. Das hat etwas Beruhigendes.
Wenn jemand schon am Nachmittag vor einem Bierkrug oder Teller sitzt, geschützt, warm,
der ist nicht unter Stress, der hat frei, der ist nicht diesem Leistungsding unterworfen.
Dann können Lebensmittel sogar Genussmittel sein. Da zu sitzen, ja, das hat was. |
| Gesprächspartner: Stephan Lebert und Norbert
Thomma |
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