Pressestimmen - Seite 8


Kulturseite Dolomiten vom 22. Mai 2002

Biermösl Blosn & Herbert Rosendorfer in St. Pauls

Gegen die Verdeppung

Sie singen und spielen seit 25 Jahren gegen die Musikantenstadelei, die Verdeppung durch Medien und Politik, gegen den polyestrischen Kitsch der Landhausmode und der Perlen Tirols, gegen die Ausdünstungen der burgzerfressenen Hirne all der Zittersaaler Schürzenjäger, Stefanie Mörtels, Mariannes und Michaels. Gegen das Tümliche (so tun als ob) und die Folklorisierung in der Musik, im Leben. Trotz Speckfest, trotz etlicher anderer Veranstaltungen war das Konzert in St. Pauls ausverkauft. Eingeladen hatte die Well-Brüder der Kulturkontakt Eppan, finanziell unterstützt von der Kellereigenossenschaft St. Pauls. Herbert Rosendorfer las aus Texten, die inhaltlich deutliche Parallelen zeigen. Es geht um die Absurditäten des Lebens, oft traurig und komisch zugleich, und um die nicht aufzuhaltende Verstopfung in den menschlichen Köpfen. Die Brüder Hans, Christoph und Michael, seit 1976 als Biermösl Blosn weltweit unterwegs, verbinden die ursprüngliche bayerische Volksmusik mit ihren satirisch- politischen Texten und wunderbarem Blödsinn. Kann Kunst etwas ändern? Kaum. Hat es einen Sinn? Ja. Denn man kann wenigstens die Resthirne wach halten. Zeigen, dass es doch noch etwas anderes gibt als den Matsch der Schlagerparaden, die Staatskanzlei und Weihrauchgefuchtel. Eine Kunst der Blosn ist es, ihr Programm den Gegebenheiten vor Ort anzupassen. So haben zur Begeisterung des Publikums an diesem Abend auch der Golfplatz und die Politik Südtirols ihr Fett abbekommen. Die Biermösl Blosn brauchen brauchen kein "original" vor dem Namen ("The original Alemossblowers"). Sie sind echt, die Musik ist echt, und worüber sie singen, ist - erschreckenderweise - auch wahr.

Julia Andreae

Gefunden von Margith Niedrist


Frankfurter Allgemeine Zeitung 30.04.02 / Feuilleton

Kruzifix für Papa Mamba

Münchner Kral: Polt und die Biermösl Blosn im Cuvilliéstheater

Die sind auch dann noch sehr gut, wenn sie nicht so gut sind; einfach, weil sie eine derart dreiste, von lässiger Impertinenz unterfütterte Freundlichkeit ausstrahlen, daß man sicher ist, das kann noch heiter werden: denen wird im Ernst nichts schiefgehn, selbst wenn alles schiefgeht. Auf die Bühne kommen sie, als gingen sie zum Mittagessen, und prüfen ihre Instrumente, wie andere das Eßbesteck: Der Hans quetscht leis' die Ziehharmonika, durch die Tuba röchelt der Michi, und der Stopherl beklimpert seine Harfe so stakkatoflink, bis man sich nicht mehr sicher ist, ob er das Instrument noch stimmt oder ob die Musik schon stimmt. Und mit einem Mal wächst aus der Klängewirbelei ein Lied, dann singen die drei Well-Brüder (die "Biermösl Blosn") von ihrem so prachtvoll in die Moderne gehunzten Dorf.

Altvertraut sind solche Spottklagen über Outlet-Center, Baumarkt, Mehrzweckhalle, alt und liebgeworden die Vertonungen des Zorns, und immer wieder hinreißend die unverschämte Musikalität der Brüder, ihre Gier nach mehr und noch mehr Instrumenten, klassischen wie bäuerlichen, dazu die hohen Volkstonstimmen bayrischer Provenienz mit den gedehnten und gebrochnen Rhythmen. Stopherl, wie hineingewachsen in seine schlanke Bundlederne, pfiffiges Bürscherlgesicht - aber er spielt dir die Bachtrompete so wieselflink gestochen wie ein Philharmoniker, perlt die Harfe und die Zither, bläst das Riesen-Bombardon und den Dudelsack und kräht dazu dreist die Lieder, die der Hans geschrieben hat, thematisch vertraut, aber oft in neuerlich gewitzten Reimen; etwa darüber, wie eine Moschee im Gewerbegebiet verhindert wird durch Eröffnung eines Swingerclubs: gegen den hat die Gemeinde nix - Hauptsach', "in jeder Stubn hängt ein Kruzifix".

Ein Spot fährt in die puttoumflatterte Rokoko-Loge des Münchner Cuvilliéstheaters, da hält ein Muezzin sein Minarett wie einen Fahnenmast und jodelt kehlrauhes Arabobayrisch. Das ist Gerhard Polt, daheim am Schliersee und in allen Sprachbehausungen der Welt. Fahren die Biermösl zwanzig Instrumente auf, so packt Polt dreißig Sprachmelodien aus, sagt eine Konzertnummer in näselndem Kulturdeutsch an, quetscht grusliges Schwyzerdütsch nach und beschließt mit italienischen Gaumenschmeichlern.

Im feschen, silbergrau dezenten Trachtenjanker steht er massig mitten im zarten Rokoko, dessen durchgewetztes Plüschmobiliar demnächst renoviert werden soll (mein Sitz zum Beispiel hing elend schräg nur mehr in einer von zwei Angeln): Dies Haus, so Polt mit Groll zu uns hinunter, sei schließlich für bessere Herrschaften gebaut, "nicht für diesen amerikanisierten Sensationspöbel, der da mit seinen Ausdünstungen herumlungert". Jetzt heiße es "konservieren, restaurieren"; beim Dialekt sei das grad noch gutgegangen: der liege nun im Archiv des Bayerischen Rundfunks, "und weil er heut' nicht mehr gesprochen wird, bleibt er rein". Mit geblähten Nüstern pinselt er eine weißblaue Idylle und knallt eine Wuteruption hinterher: "Da paßt doch ein Neger nicht hinein." (Irgendwie will man ihm zustimmen, eigentlich.) "Ich meine das nicht rassisch, sondern mehr ästhetisch!" Ja, eben - auweia. Nachher hockt er, die Flinte zur Seite, an einem Wasserloch und pumpt sich in einen Zorn gegen den Kormoran, den Fischemörder: "Der gehört doch nicht hierher! Schon der Name sagt doch alles! Den gibt es grad mal seit vierzig Jahren, und die Forelle seit 200 Millionen." Dann spielen wieder die Biermösl ihre altbösen neuen Lieder, dann kommt der Polt wieder mit seiner Wucht und Wut und Dreistigkeit des tonangebenden Totschlag- Spießers und walzt uns nieder.

Die Themen alt, zum Teil veraltet: die Festplatte vom Max Strauß, die bayrische Justiz und der tote Staatsanwalt, die fressenden Firmenchefs und die alles absegnenden Prälaten, Dorfverödung, Volksverblödung: eine einzige Bluatsauerei das Ganze! Die kecke Selbstverständlichkeit der Präsentation - vom Kollegenfreund Jörg Hube diesmal inszenierend betreut - ist jedoch von ewig neuer Kraft und Lust. Die Zugabe erst haute endlich vom Sitz (auf dem mich die kaputte Angel ohnehin nicht hielt): Da macht der Polt einen Papa Mamba, einen weißen Neger, mit ganz leicht zuckender Hüfte und einem aufklaffenden Lebenslustmaul voller Zähne: "Jää-ma-béle!" singt er brüllend und stößt den Arm und schlenzt die Schultern, und die Biermösl schrammeln ihre Instrumente, blasen und pauken und quetschen, und von neuem begeistert sich afrikanisch der Zulu- Polt, das Trachtenjackett zieht er aus und schwingt es und wiegt sich leicht zu starken Schreien: der massige Polt, der bayrische Berg im Kral der Lebenslust. Nächste Woche wird er sechzig.

MICHAEL SKASA


Münchner Merkur 30.04.02

Laptop in der Lederhose

''Crème Bavaroise'': Polt und die Biermösls

Es fängt - zunächst - ganz harmlos an "in dieser herrlich geschmückten Mehrzweckhalle", wo sich "die bayerische Crème de la Crème" so gern zur Filmpreisverleihung durch den Landesvater trifft. Also im Cuvilliés, dem Schmuckkästchen von Theater, das nicht dem Kunstminister unterstellt ist, sondern dem Herrn der Gelder. Seit 300 Jahren bleibt alles beim Alten; doch plötzlich ist "nicht gewiss, ob der Hausherr übermorgen noch Finanzminister ist".

"Crème Bavaroise: Obatzt is" heißt der neue Abend von Gerhard Polt und der Biermösl Blosn. Die Produktion des Bayerischen Staatsschauspiels: unvergleichlich gut, zum Tränenlachen, allerfeinstes politisches Kabarett. Musikalisch hochkarätig wie immer. So intelligent wie sinnlich. So frech, so wahr, so "halleluja ozapft is".
Drei samtrot gepolsterte Stühle aus dem Mobiliar der Residenz auf der Bühne. Königsblaue Vorhänge. Wie von ungefähr treten Christoph, Hans und Michael Well auf, wechseln schnell noch mal die Garderobe, denn beim Filmpreis sind Abendkleidung oder Tracht gefragt. Sie singen von der heilen bäuerlich-bayerischen Landschaft. Von ihrem schönen Hausen, "das schon katholisch war vor Christi Geburt". Vom Nachbardorf Ried ("sprich Riad") mit der Moschee im Gewerbegebiet und dem Halbmond auf dem Maibaum.
So singen sie brav, aber hinterfotzig und werden dennoch von Generalkonservator Polt des Saals verwiesen. Wo käme man denn hin, wenn ein jeder in diesem schönen Rokokotheater "herumfäkaliert". . . Plötzlich latscht ein Wesen mit Schwimmflossen, Schnorchel und Unterwasserbrille kurz durch den blauen Samt - "der bayerische Ministerpräsident auf Tauchstation".
Das ist in Polts Pointen prasselnder Polit-Satire für ihn auch besser so, denn hier wird der Staatsregierung nichts geschenkt. Vom Deutschen Orden - die Biermösls und Polt als weißummäntelte Raubritter - bis zum Kormoran, diesem "Zuwanderer". Vom Medien-Crash ("Der Herr hat's gegeben, der Kirch hat's genommen") bis zum Bavarian-Geschichtsunterricht. "Der Schein heiligt die Mittel" - hier lernt man fürs Leben. Die Lederhose aufgeknöpft, den Laptop herausgeholt, und schon wird alles notiert.
Dann wird aufgefahren zu einem grandiosen Begräbnis mit Leichenschmaus. Polt, der Wunderbare, als Hamlets Totengräber - übrigens ein kleiner Wink an graue Vorzeit, als einst Frank Baumbauer wegen jener Extempore-Szene aus dem Staatsintendanten-Amte flog. Heute ist alles anders. Cool wird der Wahrheit ins Gesicht geblickt; wenn's auch nur ein Totenschädel ist. Wem der gehört? Vielleicht einem Staatsanwalt aus Augsburg. "Das Ganze ist doch ein Witz. - Nein, das ist bayerische Justiz." Mit der aus dem Wasser gefischten Festplatte des Max S., die den ganzen Abend durchs makabre Spiel geistert, ist nach zweieinhalb Stunden auch Schluss. Vom Bühnenhimmel schwebt sie als Grabplatte herab, Bühnenarbeiter nageln sie auf dem Boden an. Die Inschrift: "Ist die Festplatte disappeared, lebt sich's gänzlich ungeniert."

Ein Abend zum Totlachen, glänzend von Jörg Hube inszeniert.

SABINE DULTZ


SZ vom 30.04.02 / Feuilleton

Nieder mit dem Kormoran!

Gerhard Polt und die Biermösl Blosn mixen eine „Créme Bavaroise“

Das Wichtigste für einen politischen Kabarettisten ist der Feind. Franz Josef Strauß: wunderbar. Der war funkelnd böse, grotesk, auratisch, ein Mann wie ein Gebirge, und wenn den ein Kabarettist angriff, dann haben die Alpen gewackelt und dem BR wurde der Saft abgedreht. Wer aber ist Herr Faltlhauser? Und wie war das nochmal genau mit dem Skandal um den blassen Strauß-Sohn Max und die verschwundene Festplatte? Vor allem aber: Wie kann man abstrakte Dinge wie Insolvenzen, die Globalisierung und den lebenden Aktenordner Edmund Stoiber, das abstrakteste aller deutschen Phänomene, auf die Bühne bringen?

Die Biermösl Blosn stanzeln in „Créme Bavaroise: Obatzt is“ die bayerischen Skandale der letzten Zeit durch und zeigen, wie schon in „Bayern Open“, ein groteskes Bild von unserem Schizofreistaat: vorne raus ein paar frei laufende Hühner, hinten auf dem Hof die Legebatterie; der Sendemast von e-plus als Maibaum; den Bau einer Moschee verbieten, aber einen Swingerclub eröffnen; amerikanisches Wellness-Center im bayerischen Hinterwald. Stimmt ja alles, aber nach dem siebten oder achten Lied wirkt das so firnisüberzogen wie das blauweiße Ölgemälde, das der Freistaat noch immer von sich selber malt.

Das Wichtigste für einen Lebenskomiker ist der Alltag; das global Menschliche statt der unmenschlichen Globalisierung. Vor Jahren gründete Gerhard Polt zusammen mit Hanns Christian Müller eine „Gesellschaft zur Erforschung von Angelegenheiten“. Viel ist seither passiert, die Münchner Kammerspiele sind ins Staatsschauspiel umgezogen, der blasse Faltlhauser ist Finanzminister geworden, und die Pleitewelle schwappte zuletzt in solchem Tempo übers Land, dass selbst München nicht mehr leuchtet: Kein Wort taucht in den aktuellen Liedern der Biermösl Blosn so häufig auf wie „Insolvenz“. Die Angelegenheit als solche aber harrt weiter ihrer Erforschung durch den Phänomenologen Gerhard Polt.

Die rätselhafteste Angelegenheit ist der Menschenverstand, der meist kein gesunder, sondern ein komplett fehlender oder ein hundsgemeiner ist. Polt kommt auf die Bühne des Münchner Cuvilliéstheaters, und dann steht er da wie eine Brandschutzmauer, unbeweglich, und stiert die drei Well-Brüder an. Kein Text, kein Kostüm; bloßes Poltsches Dastehen ist schon von umwerfender Komik.

Der ganze Abend, der in der Form der musikalischen Nummernrevue nahtlos an die gemeinsamen Produktionen in den Kammerspielen anschließt, ist eine Studie in Bühnenpräsenz. Ob Polt, mit kantig modernem Brillengestell vorm Holozän-Schädel, einen blasierten Konservator spielt oder einen Professor für vergleichende bayerische Geschichte, einen enragierten Kormoranfischer oder einen überforderten Kontrabassisten, der alle Einsätze verpasst – immer scheint der Poltsche homo insapiens durch, die Epiphanie des lebenstechnisch überforderten Kleinbürgers, dem eine Darmverschlingung das Denken zu blockieren scheint, bis er dann plötzlich quer durch die Sprache stolpert: „Der Kormoran ist doch ein Zuwanderer! Schon der Name! Die Forelle ist seit 200 Millionen Jahren in Bayern. Wir sind ein geflügelfreundliches Land, wir haben uns auch mit dem Storch arrangiert, solange er nicht ausgestorben ist! Aber der Kormoran!“

„Mmambele, ola!“

Wenn die Well-Brüder zeigen, was für hervorragende Musiker sie sind, wenn sie etwa mit ihren Herrgottswinkelinstrumenten ein Bachkonzert spielen, steht Polt daneben, tapsig und überflüssig wie der unmusikalische Vetter aus der Großstadt. Polt aber ist großer Sprachmusiker. Er kann ein Wort wie „Kormoran“ so hasserfüllt aussprechen, dass der Vogel, hörte er es, wahrscheinlich tot vom Himmel fiele. Und wenn sein blasierter Konservator das Cuvilliéstheater wiederholt als „Kleinoood“ bezeichnet, riecht man irgednwann den Odel, den er in das prätentiöse Wort geschmuggelt hat.

Der größte Moment ist die Zugabe. Der Vorhang ist längst unten, die Biermösl Blosn spielen was Bayerisches, da beginnt Polt, dieses Gebirge von einem Mann, in den Hüften zu wackeln und „Mmambele!“ zu singen, immer wieder, „Mmambele, ola!“ – und ohne dass Polt Schminke dafür bräuchte oder ein Kostüm, tanzt da eine nigerianische Marktfrau vorm Vorhang des Cuvilliéstheaters, die lacht, während sie Mmambele singt, über sich, wie sie in diesem Kleinod der Hochkultur afrikanische Stammesgesänge intoniert und dazu beim Tanzen wackelt wie eine Créme Bavaroise; über das Publikum, das aber auch über jeden Schmarrn juchzt, und über die so sagenhaft interessante Angelegenheit des menschlichen Lebens.

ALEX RÜHLE


Biermösl Blosn