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8., 9. und 10. April 2005 in Japan (Tokyo)

Ein Reisebericht von Hans Well, erschienen am 13.05.05 im Münchner Merkur:
Nippon grillt die Weißwurst - Deutsch-japanisches Jahr mit der Biermösl Blosn
Ein asiatischer Heuschreck
Riskier' ich den Weg zum Goethe-Institut? An der notorisch pünktlichen U-Bahn staunt man als Bayer über die Höflichkeit und Disziplin der Japanermassen im Umgang miteinander. Ich will aber lieber doch gleich wieder ins Hotel zurück, was mir nach zweistündigem Herumirren prompt gelingt. Unsere Auftritte sind auf einer Freiluftbühne, im Schatten des gläsernen "Mori Towers". Herr Mori ist ein Immobilientycoon, ein obergefrässiger asiatischer Heuschreck. Vor zwei Jahren stand um die Bühne hier am Rapongihill noch ein bewohntes Stadtviertel, das nach kurzer Gegenwehr der Einwohner wegradiert wurde und mit Bürohochhäusern wiederauferstand. Das Wetter ist bei unserem Auftritt Gott sei Dank viel wärmer als beim Bundespräsidenten, der seine Eröffnungsrede bei circa vier Grad halten musste. Die Sänger des Stuttgarter Oper, die seine Rede umrahmten, hatten einen Mordskatarrh.

Hinter den Zuschauersitzen gibt es einige Würstlbuden und Bierausschank. Leider gibt's kein bayerisches Bier, sondern Bierersatz von Warsteiner und Becks. Große Aufregung am Rande unseres Auftritts. Der aus Köln stammende sehr nette Koordinator vom Goethe-Institut hat festgestellt, dass die japanischen Küche die Weißwürste auf den Grill legen und die Bratwürste im Topf sieden. Beherztes Eingreifen - erschrockene Japaner, die diese Aufregung nicht nachvollziehen können - Gottlob, ein Teil der Weißwürste ist gerettet! Wir unterlassen den Hinweis auf das Zwölf-Uhr-Läuten lieber - es ist schon fünf Uhr nachmittags!

König Ludwig oder Beethoven sind in Japan sehr bekannt, wir müssen aber leider feststellen, dass Japaner mit dem Namen Stoiber oder Schnappauf gar nichts anfangen können. Unser Auftritt baut also auf mehr Musik als daheim. Wir setzen viele Instrumente ein wie Hackbrett, Drehleier Alphörner usw. Das beeindruckt dann doch und ist Ersatz für das von uns hartnäckig verweigerte Kufsteinlied, welches ein Bewohner Nippons, der öfters in Garmisch kraxlt, unbedingt hören will. Wir haben uns ein paar Ansagen auf Japanisch aufgeschrieben, um so einen Kontakt zu den pro Vorstellung rund 300 Japanern herzustellen. Wir singen vom "Baby-Benz", von "Griass di Gott Hochhausturm - Pfiadi Gott Häusl im Abrisssturm", was Herrn Mori nicht aufregt, weil er nix versteht. Die Alphörner stellen wir als instrumentales Alpenhandy vor, nur besser als die heutigen Siemens-Handys, was der lokale Siemens-Fürst versteht und uns prompt eine Essenseinladung verhagelt.

Am vierten Abend werden wir doch noch von offizieller Seite zum Essen gebeten. Fatalerweise in ein deutsches Lokal. Das Wiener Schnitzel dort hätte jeden Prozess verloren . . ! Ein Goethe-Mitarbeiter, der mit einer Japanerin verheiratet ist und aus Au bei Feilnbach kommt ist unsere Rettung. Er führt uns anschließend zum Essen. Die japanische Küche ist hervorragend, wir haben uns deshalb schnell an Stäbchen gewohnt. In dem netten kleinen Lokal stellt sich heraus, dass die Wirtin einjähriges Lokaljubiläum feiert. Wir singen einen fetzigen Gratulationsjodler. Großes Erstaunen und viel Dankbarkeit in Form einer Flasche Sakisekt.

Als wir am Abflugtag kurz vor dem Weg zum Flughafen im 27. Stock frühstücken und dabei die mit Drahtnetzen umspannten Fußballfelder für Betriebsangehörige auf den umliegenden Hochhäusern bestaunen, fängt's plötzlich an zu rumpeln. Die Züge unten am Boden halten an, wie das bei Erdbeben automatisch geschieht. Mir und meinen Brüdern ist nicht sehr wohl, die anderen Hotelgäste - überwiegend Japaner - lässt das vollkommen kalt, sie frühstücken seelenruhig weiter. Sehr beeindruckend diese Japaner, aber ehrlich gesagt, ist mir ein Auftritt im Oberland schon lieber. Nicht bloß wegen der Erdbebensicherheit.

HANS WELL

24. September 2004 in Seesen, Stadthalle

Fotos: Eckhard Senger

Biermösl Blosn